Welche Parallelen sehen Sie zwischen dem Jodeln und Ihrer Arbeit als Anwältin und Rechtsberaterin?
Ich sehe einige Parallelen. Was das Jodeln ausmacht, ist der Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme – und diesen Registerwechsel erlebe ich auch in meiner Arbeit täglich: zwischen Gesetzestext und Lebensrealität, zwischen juristischer Formalität und dem Menschen,der dahintersteht. Bei beiden gilt im Übrigen: Erfahrung und stetige Auseinandersetzung machen die Meisterin. Und schliesslich: Das Jodeln soll Freude bereiten. Genau das wünsche ich mir auch für meine Arbeit: Dass trotz mancher kniffliger und nicht immer willkommener Entscheide auch in der 2. Säule die Freude an dieser grossen Errungenschaft durchklingt.
Angenommen, jemand schreibt ein Jodellied über die 2. Säule: Wie könnte es heissen?
Wohl «Dä Räntejuiz».
Welche Musik begleitet Sie bei kniffligen juristischen Fällen – und was hilft Ihnen, nach einem verlorenen Prozess zu entspannen?
Auch bei kniffligen Fällen gilt es, den Wald vor lauter Bäumen noch zu sehen. Da hilft manchmal Musik und eine bewusste Pause, ein kurzer Schritt zurück. Bei anspruchsvollen Arbeiten höre ich allerdings wenig bis gar keine Musik. Bei einem nicht wunschgemässen Prozessausgang braucht es zunächst einen kühlen Kopf: Warum lief es schief? Wo lag die Ursache – im Sachverhalt oder im Rechtlichen? Und was bedeutet das Urteil für diesen und für andere Fälle? Für solche Fragen braucht es etwas Distanz. Oft ist es gut, zuerst abzuschalten, die ersten Emotionen bewusst beiseitezulegen und etwas ganz anderes zu tun – zum Beispiel zu jodeln. Jodelclubs und Stiftungsräte kämpfen oft mit demselben Problem: Das Durchschnittsalter steigt, der Nachwuchs fehlt.
Was raten Sie beiden?
Sicher ist es gut, auf die Jungen gezielt zuzugehen, und ihnen zu zeigen, was an der Sache schön, spannend und für sie wichtig ist – auch Begeisterung zu wecken und selbst Vorbild zu sein. Schön ist, wenn Junge bzw. Anfängerinnen und Anfänger von Anfang an in irgendeiner Weise in Aufgaben miteinbezogen werden können. Nachwuchs gewinnt man zudem nicht über Nacht. Also früh, am besten immer, daran denken und die Weichen richtig stellen.
Wo erleben Sie in der beruflichen Vorsorge ein harmonisches Zusammenspiel – und wo gibt es schiefe Töne?
Ein harmonisches Zusammenspiel sehe ich bei einem fruchtbaren Austausch zwischen den paritätischen Seiten im Stiftungsrat, auch wenn sie nicht die gleichen Meinungen vertreten. Schiefe Töne höre ich bei einem Umwandlungssatz, der nicht mehr zur gestiegenen Lebenserwartung passt, bei der Umverteilung von Vorsorgevermögen der Aktiven zu den Rentnerinnen und Rentnern oder wenn Reformen steckenbleiben, weil aneinander vorbeigeredet wird, es an der Verständlichkeit der beruflichen Vorsorge oder dem Willen, sich damit zu befassen, fehlt.
Jodeln hat Tradition. Welche Traditionen der 2. Säule haben aus Ihrer Sicht Zukunft – und welche sind reif für die Ablösung?
Dass jede und jeder das eigene Alterskapital anspart, ist sicher ein grosser Vorteil, gerade in der Zeit der demografischen Alterung. Bleiben soll auch die paritätische Verwaltung. Der Schutz bei Tod und Invalidität ist ebenfalls ein wichtiger Teil der beruflichen Vorsorge. Reif für die Ablösung sind dagegen starre Parameter, die im Gesetz eingefroren sind. Auch der fixe Koordinationsabzug und die Eintrittsschwelle sind zu überdenken.
Erfahrung und stetige Auseinandersetzung machen die Meisterin