Der gegenwärtige Stress an den Finanzmärkten zeigt einmal mehr, wie schnell in unsicheren Zeiten das Bedürfnis nach Orientierung wächst. Krieg am Persischen Golf, weltweit steigende Energiepreise und die Aussicht auf anhaltende Inflationsrisiken machen die Lage unübersichtlich; entsprechend sensibel reagieren Börsen, Notenbanken und Anleger. Gerade in solchen Phasen haben einfache Erklärungen, klare Muster und starke Symbole Hochkonjunktur. Sie versprechen Halt in einem Umfeld, das sich der Kontrolle entzieht. Das ist nicht neu, aber derzeit besonders gut zu beobachten: Wenn die Gegenwart nervös wird, steigt die Sehnsucht nach Ordnung.
Wenn die Nerven blank liegen
Dazu passt, dass laut «Handelsblatt» derzeit eine fast 150 Jahre alte Finanzgrafik wieder die Runde macht, die für das Jahr 2026 einen Verkaufszeitpunkt für Vermögenswerte nahelegt. Solche historischen Börsenorakel entfalten gerade in angespannten Marktphasen eine eigentümliche Faszination. Sie suggerieren, dass es hinter dem Auf und Ab der Kurse doch einen verborgenen Rhythmus geben könnte. Der entscheidende Punkt ist allerdings: Diese Grafik beruht nicht auf ökonomischer Analyse, statistischer Marktlogik oder einer historischen Auswertung von Börsenzyklen, sondern auf planetaren Konstellationen, also auf Astrologie.
Genau das macht ihren Wiederauftritt so bezeichnend. In Phasen hoher Unsicherheit wächst offenbar die Bereitschaft, selbst dort nach Halt zu suchen, wo die Erklärung weniger mit Finanztheorie als mit Himmelsdeutung zu tun hat. Der vom Handelsblatt zitierte Finanzmarktforscher Andreas Hackethal ordnet das nüchtern ein: Marktteilnehmer neigten dazu, in zufälligen Bewegungen langfristige Muster zu erkennen. Die Botschaft ist damit so ernüchternd wie aktuell: Gerade wenn die Unsicherheit zunimmt, wächst die Versuchung, an Scheinordnungen zu glauben.
Symbole mit Signalwirkung
Von dort ist es kein weiter Schritt zu US-Präsident Donald Trump und seiner auffälligen Vorliebe für Florsheim-Schuhe, eine amerikanische Schuhmarke, die seit mehr als einem Jahrhundert Komfort und Stil miteinander verbindet. Die Schuhe sind erstaunlich erschwinglich: Viele Modelle kosten nur 145 Dollar. Laut «Wall Street Journal» verteilt Trump die Schuhe grosszügig an Vertraute, Minister, Politiker und andere Weggefährten. Beschenkt wurde ein beachtlicher Teil des Washingtoner Trump-Umfelds: vom Vizepräsidenten JD Vance über Aussenminister Marco Rubio bis zu Ministern, Beratern und konservativen Politikern wie Lindsey Graham. Wer im inneren MAGA-Orbit etwas gilt, erhält damit offenbar nicht nur Zugang, sondern gleich auch ein Paar Florsheims.
Was auf den ersten Blick wie eine exzentrische Marotte wirkt, erweist sich bei näherem Hinsehen als erstaunlich präzises Ritual der Inszenierung. Das Geschenk ist nicht bloss ein Kleidungsstück, sondern ein Loyalitätssignal. Trump beobachtet dem Bericht zufolge genau, wer die Schuhe später auch tatsächlich trägt. Aus einem Paar Lederschuhe wird so ein kleines Abzeichen der Zugehörigkeit. Auch hier geht es letztlich um Orientierung in einem persönlichen und politischen Kosmos: nicht über Zahlen und Modelle, sondern über sichtbare Zeichen von Nähe und Gefolgschaft.
Katholisch und kapitalstark
Dasselbe Grundmuster zeigt sich auf ganz anderer Ebene bei der Vatikanbank. Einem Bericht von «finanzen.ch» zufolge hat das Istituto per le Opere di Religione (IOR) zusammen mit der US-Finanzgesellschaft Morningstar zwei Aktienindizes aufgelegt, die sich an katholischen Werten orientieren: den Morningstar IOR Eurozone Catholic Principles und den Morningstar IOR US Catholic Principles. Auf den ersten Blick klingt das nach einer bewussten Gegenwelt zum oft als kalt wahrgenommenen Finanzkapitalismus.
Beim Blick auf die enthaltenen Titel wird jedoch klar, dass Moral und Mainstream sich keineswegs ausschliessen. In den Indizes finden sich auch grosse, global bekannte Konzerne wie Apple, Amazon, Tesla oder die Luxusmarke Hermès. Der eigentliche Punkt liegt deshalb weniger in einer radikalen finanziellen Alternative als in der Rahmung: Kapitalmarktprodukte sollen nicht nur Rendite abbilden, sondern auch ein moralisches Koordinatensystem mitliefern. Selbst der Index wird damit zur Erzählung darüber, was als legitim, verantwortungsvoll und anschlussfähig gelten soll.
Wert, Fassade und Fallhöhe
Wie fragil solche Inszenierungen sein können, zeigt der Fall des auch in der Schweiz bestens bekannten Immobilien-Pleitiers René Benko. Der «Spiegel» berichtet über Vorwürfe österreichischer Finanzstrafverfolger, wonach private Luxusausgaben über komplexe Firmen- und Stiftungskonstruktionen abgewickelt worden sein sollen. Im Zentrum stehen Immobilien, Reisen, Jachten und Jets, also genau jene Objekte, die Reichtum nicht nur darstellen, sondern regelrecht verkörpern.
Der Fall ist deshalb mehr als eine mögliche Steuerangelegenheit. Er erzählt auch vom Versuch, privaten Luxus als geschäftlich eingebettete Normalität erscheinen zu lassen. Wo jahrelang Repräsentation und unternehmerische Grösse fast deckungsgleich wirkten, wird nun sehr konkret gefragt, wer welche Kosten getragen hat und auf welcher Grundlage. Die Differenz zwischen Erscheinung und Abrechnung wird plötzlich zum Kern der Geschichte.
Schein und Substanz
Noch deutlicher wird die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität in einem Fall, den das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) im Kanton Zürich aufdeckte. Im Jahr 2025 kontrollierten Mitarbeitende des BAZG im Frachtbereich des Flughafens Zürich ein Fahrzeug mit zwei Insassen sowie zwei Fussgänger. Einer der Fussgänger, ein 54-jähriger Schwede, führte eine Banknote mit dem Aufdruck «24K Gold» und dem angeblichen Wert von «One Hundred Quintillion Dollar» mit sich, dazu eine Lagerbestätigung für zwei Kisten mit je 1000 simbabwischen Banknoten desselben Werts.
Die beschlagnahmten Noten wurden vom Edelmetallkontrollamt Zürich analysiert. Dabei zeigte sich, dass sie aus Kunststoff, Klebefolie und goldfarbener Aluminiumfolie bestanden und keinerlei Spuren von Gold enthielten. Die Ware wurde vernichtet, und der Mann, der die Einfuhr veranlasst hatte, muss wegen Verstosses gegen das Edelmetallkontrollgesetz eine Geldstrafe von mehreren Tausend Franken bezahlen. Wertbehauptung und Materialwirklichkeit lagen hier also denkbar weit auseinander: Gold versprochen, Plastik geliefert.
Die Sehnsucht nach Ordnung