Schweizer Personalvorsorge 01/2010 - Pressespiegel
Was die Medien im Dezember bewegte
Das Jahrzehnt der Sparer
Judith Yenigün-Fischer
Sparen wollen die meisten. Leider bringt Sparen aber nicht immer mehr Geld und Zufriedenheit. Unzufriedenheit kann zu einem ungesunden Lebenswandel und sinkender Produktivität führen, was Kosten verursacht.
Den Bausatz fürs Ikea-Billy-Regal wuchten Kunden selber aus dem Regallager, schieben ihn zur Kasse, ziehen ihn dort am Kassen-Scanner vorbei, fahren nach Hause und bauen ihr Regal in Eigenregie zusammen – und fühlen sich sogar gut dabei. Kein Wunder, meint der «Spiegel» (28. Dezember): «Es war das Jahrzehnt der Schnäppchen, Dauertiefstpreise und Sonderangebote. Das Jahrzehnt, in dem Geiz plötzlich ‹geil› wurde. Anpacken und Sparen war in diesem Jahrzehnt nicht länger nur die Überlebensstrategie der Armen. Geizen wurde zum Volkssport, getreu dem Motto ‹Ich bin doch nicht blöd› der Media-Markt-Werbung.»
Der Preis der Schnäppchenjagd
Diese Tiefstpreise haben allerdings Spuren hinterlassen: Beschäftigte klagen über niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen, neue Einkaufszentren und Billig-Ketten überschwemmen die Innenstädte: «In den Einkaufsstrassen bietet sich allerorten das gleiche Bild: Dort ist H&M, hier ein McDonald’s, da ein Billig-Bäcker. Die Uniformität der Innenstädte ist der Preis für das Preisbewusstsein der Verbraucher.» Ein trauriger Höhepunkt des Schnäppchen-Jahrzehnts war eine Nacht im September 2007. In Berlin lockte ein neuer Media-Markt mit tiefen Preisen zur mitternächtlichen Eröffnung. Tausende stürmten das Geschäft im Einkaufszentrum, Scheiben barsten. Rund eine Stun-de nach Eröffnung des Markts waren 100 Beamte im Einsatz, Rettungswagen reihten sich vor dem Eingang. Die Bilanz: 15 Verletzte und mehr als 90000 verkaufte Artikel.
Teufelskreis
«Jeder Rappen wird zweimal umgedreht, bevor er gespalten wird. Und trotz zaghaftem Silberstreifen am Horizont bleiben Angst und Unsicherheit, und zwar von zuunterst bis zuoberst in der Hierarchie. Denn von Hinz bis Kunz kann jeder dicke Post vom Vorgesetzten bekommen», stellt die «Handelszeitung» (23. Dezember) fest. Die Folgen des Spardrucks und der wachsenden Arbeitsbelastung sind Dienst nach Vorschrift, Absentismus und Krankheiten. Die emotionale Bindung der Mitarbeitenden aller Stufen sei jedoch ein entscheidender Faktor für den ökonomischen Erfolg. Unzufriedenheit führe zu sinkender Produktivität, schlechterer Qualität, enttäuschten Kunden. All dies verursache Kosten, die irgendwo wieder eingespart werden müssen. Nach wie vor ist immerhin gut ein Drittel der Schweizer Arbeitnehmer «zufrieden» am Arbeitsplatz. Doch der Anteil derjenigen, die nur deshalb zufrieden sind, weil sie ihre Ansprüche zurückgestuft haben und sich sagen, «es könnte ja noch schlimmer sein», hat zugenommen, wie Marktforscher eruiert haben.
Tiefere Prämien für Gesunde
Sparen will auch die FDP. Es sollen Anreize gesetzt werden, damit dank Eigenverantwortung unnötige Gesundheitskosten vermieden werden können. Der Partei schwebt vor, dass Krankenkassen Versicherungsmodelle anbieten müssen, in denen sich Patienten zu einem gesunden Lebenswandel – messbar zum Beispiel mit dem Body-Mass-Index oder einem Fitnesstest – verpflichten und sich vom Arzt darauf kontrollieren lassen. Im Gegenzug sollen sie von tieferen Krankenkassenprämien profitieren. 5 Prozent der Krankheitsfälle verursachen laut FDP 50 Prozent der Kosten. Ein zentraler Kostentreiber sei der schlechte Lebensstil; fehlende Bewegung, Übergewicht und falsche Ernährung. Die Partei ritzt damit ein Tabu, weil sie die Gleichbehandlung von Gesunden und Kranken durch die Krankenkassen infrage stellt, schreibt die «Sonntagszeitung» (20. Dezember). Felix Gutzwiller, Zürcher Ständerat und Chef der freisinnigen Gesundheitskommission, erklärt: «Solche Bonusmodelle fördern Eigenverantwortung und Prävention. Wir sparen so Kosten für alle, das ist solidarisch.»
Ein verlorenes Jahrzehnt?
Laut «Tages-Anzeiger» (28. Dezember) hat sich Sparen im letzten Jahrzehnt nicht gelohnt: «Seit zehn Jahren bewegen sich die Finanzmärkte in heftigen Wellen auf und ab, aber der Pegel ist nicht gestiegen. Egal, wie man es anstellte, wie die Indizes vermuten lassen, ist nach Steuern und Spesen keine Rendite übrig geblieben.» Die letzten zehn Jahre seien verloren. Zu Abstrichen komme es nicht nur im privaten Rahmen, sondern auch bei den Pensionskassen. Auch die Zukunft sieht nicht viel besser aus: Wir müssen vielleicht froh sein, wenn das Sparen überhaupt noch mit einem Zins belohnt wird.
Chinesen mögen Luxus
An Weihnachten wurde aber nicht gespart. Gemäss den «Freiburger Nachrichten» (29. Dezember) haben die meisten Geschäfte in der Schweiz die Umsätze im Dezember 2009 im Vergleich zum Vorjahr halten können. In Luxusläden an der Bahnhofstrasse in Zürich wurden gar Rekordzahlen erzielt, dies auch dank den Chinesen, die die Japaner und Amerikaner ablösen.



